Zwischen Verwaltung und Gestaltung – was der Fall „Klön mit Kaptein“ eigentlich zeigt

Veröffentlicht am 8. Mai 2026 um 16:08

Eines vorweg:
Frau Scharrelmann hat rechtlich vollkommen korrekt gehandelt. Regeln gelten für alle – selbstverständlich auch für einen Bürgermeisterkandidaten. Daran gibt es nichts zu deuteln.

Die Veranstaltung hätte angemeldet werden müssen.
Diesen Punkt habe ich schlicht vergessen.

Darum geht es allerdings gar nicht.

Die eigentliche interessante Frage ist vielmehr, was ein solcher Vorgang über den Zustand von Verwaltung, Politik und gesellschaftlichem Denken in Deutschland aussagt.

Die Idee hinter „Klön mit Kaptein“ war denkbar einfach:
Mit einigen Jugendlichen an der KGS Brinkum grillen, reden und zuhören.

Keine Bühne.
Keine Lautsprecheranlage.
Keine große politische Veranstaltung.
Keine Wahlkampfshow.
Keine Sicherheitszonen.
Kein parteipolitischer Aufmarsch.

Einfach dort hingehen, wo Jugendliche tatsächlich sind.

Nicht im Sitzungssaal.
Nicht hinter Tagesordnungen.
Nicht mit vorbereiteten Statements.

Sondern direkt zu den Menschen.

Und vielleicht hätte man diesen Gedanken zunächst einmal genau so lesen können:
Da möchte jemand nicht über Jugendliche sprechen, sondern mit ihnen.

Denn genau das ist aus meiner Sicht eines der grundlegenden Probleme unserer Zeit:
Über junge Menschen wird permanent gesprochen.
Aber mit ihnen wird oft erstaunlich wenig gesprochen.

Wir analysieren Jugend.
Wir diskutieren Jugend.
Wir schreiben Konzepte über Jugend.
Aber wie oft setzen sich Erwachsene, Politik oder Verwaltung tatsächlich einfach einmal ohne Bühne und Mikrofon zu jungen Menschen und hören zu?

Was läuft gut?
Was fehlt?
Was nervt?
Warum hängen Jugendliche an bestimmten Orten herum?
Was erwarten sie eigentlich von Politik, Erwachsenen und ihrer Gemeinde?

Genau darüber wollte ich reden.

Und ehrlich gesagt gibt es inzwischen genügend Hinweise darauf, dass mir dieses Thema tatsächlich wichtig ist.

Vor zwei Jahren, als die Parkbank im Biotop brannte und sofort die üblichen Diskussionen über „die Jugendlichen“ begannen, habe ich mich öffentlich dagegen ausgesprochen, pauschal eine ganze Gruppe junger Menschen abzustempeln.

Vor wenigen Wochen habe ich ein ausführliches Plädoyer für unsere Sportvereine gehalten, weil diese vermutlich die wichtigste und effektivste Form von Jugendarbeit leisten, die wir überhaupt haben.

Nicht irgendwelche Hochglanzprogramme.
Nicht zusätzliche Arbeitskreise.
Nicht neue Broschüren.
Nicht immer neue Konzepte auf Papier.

Sondern Menschen, die Woche für Woche ehrenamtlich auf Sportplätzen stehen, Jugendliche trainieren, zuhören, Grenzen setzen, Gemeinschaft schaffen und jungen Menschen Halt geben.

Menschen, die nicht reden, sondern machen.

Und genau deshalb wollte ich auch an die KGS Brinkum:
Nicht um Fotos zu produzieren.
Nicht um Wahlkampfshow zu machen.
Nicht um Social-Media-Szenen zu inszenieren.

Sondern um einfach einmal direkt mit Jugendlichen zu reden.

Natürlich bleibt dennoch die Tatsache bestehen:
Die Veranstaltung hätte angemeldet werden müssen.

Knapp eine Stunde nach Veröffentlichung des Beitrags erfolgte bereits ein Anruf der Gemeinde. Kurz darauf folgte zusätzlich eine förmliche schriftliche Aufforderung:
Die Veranstaltung sei anzumelden, die Beiträge sollten unverzüglich gelöscht werden, Frist bis 14.00 Uhr.

Juristisch vollkommen korrekt.

Und dennoch muss man vielleicht ein wenig schmunzeln.

Denn man stelle sich den Vorgang einmal umgekehrt vor:

Frau Scharrelmann ruft bei mir an und möchte mit mir sprechen.

Dann meldet sich eine Bandansage:

„Hier ist die telefonische Rezeption von Ralf Kaptein.
Sie haben die Nummer 12.
Die voraussichtliche Wartezeit beträgt eine Stunde.
Wir bitten um Ihr Verständnis.“

Oder:
„Leider geschlossen.“
Oder:
„Bitte vereinbaren Sie zunächst schriftlich einen Termin.“
Oder:
„Ihre Anfrage wird bearbeitet.“

Genau das erleben Bürger nämlich regelmäßig im Kontakt mit Behörden:
Nummern ziehen.
Warten.
Öffnungszeiten beachten.
Schriftverkehr.
Bearbeitungszeiten.

Und häufig ist das selbstverständlich auch nachvollziehbar, weil Verwaltung nun einmal Verwaltung ist und rechtliche Verfahren einhalten muss.

Interessant wird der Vorgang allerdings durch die Geschwindigkeit.

Denn wenn ein Bürgermeisterkandidat spontan mit vielleicht fünfzehn Jugendlichen an der KGS Brinkum grillen möchte – Jugendlichen übrigens, die dort abends ohnehin regelmäßig zusammenstehen – dann entsteht plötzlich bemerkenswerte Reaktionsgeschwindigkeit:

👉 Achtung politische Veranstaltung
👉 Achtung öffentliche Fläche
👉 Achtung Grillen
👉 Anmeldung erforderlich
👉 Bitte unverzüglich löschen
👉 Frist bis 14.00 Uhr

Und weil ich während der Autofahrt die Beiträge nicht sofort entfernen konnte, folgte zusätzlich noch die förmliche schriftliche Aufforderung im klassischen Amtsdeutsch.

Wie gesagt:
Alles rechtlich korrekt.

Aber genau dort beginnt vielleicht die eigentliche politische Diskussion.

Denn nüchtern betrachtet dauerte:

  • der Anruf zur Unterbindung etwa vier Minuten,
  • die schriftliche Aufforderung etwa fünf Minuten,
  • das weitere Gespräch noch einmal rund zwei Minuten.

Also ungefähr genau der Zeitaufwand, der vermutlich auch nötig gewesen wäre, um die Veranstaltung pragmatisch zu ermöglichen:
Kurze Datenerfassung, Teilnehmerzahl, Uhrzeit, Ort, kurzer Hinweis an die Polizei in Weyhe – fertig.

Und genau darin liegt möglicherweise einer der Punkte, an denen wir in Deutschland besser werden müssen.

Nicht bei der Aufrechterhaltung von Ordnung und Rechtssicherheit – das funktioniert im Grundsatz.

Sondern bei der Frage, wie Verwaltung ihre Energie einsetzt:
Für das Ermöglichen pragmatischer Lösungen?
Oder primär für Verfahrensabsicherung und Unterbindung?

Denn das, was Frau Scharrelmann heute von mir erwartete, ist im Kern exakt das, was Bürger heute ebenfalls von Verwaltung und Politik erwarten:

Tempo.
Klarheit.
Ergebnisorientierung.

Frau Scharrelmann wollte heute von mir keine Verfahrensbeschreibung hören.
Sie wollte nicht wissen, warum ich den Beitrag nicht sofort löschen konnte.

Sie wollte ein Ergebnis:

„Löschen Sie den Beitrag.“

Und genau darum geht es am Ende auch bei vielen anderen Themen in Deutschland:
Nicht nur Verfahren verwalten, sondern Ergebnisse erreichen.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen verwalten und gestalten.

Das ist kein Vorwurf.
Es ist eine Beobachtung.

Und möglicherweise genau die Beobachtung, die viele Menschen im Alltag längst selbst gemacht haben.