Steigende Einnahmen geplant – sinkende Einnahmen erhalten

Veröffentlicht am 5. Juni 2026 um 09:21

Warum der Quartalsbericht 2026 Fragen an die Finanzplanung der Gemeinde aufwirft? 

Finanzen sind in jedem Haushalt – ob privat, geschäftlich oder öffentlich – die Mutter der Porzellankiste. Sie sind die Grundlage jeder guten Zukunft. Wer investieren will, muss wissen, welche Mittel tatsächlich zur Verfügung stehen. Wer gestalten will, muss die Risiken kennen. Und wer finanzielle Solidität für sich in Anspruch nimmt, muss seine Annahmen an der Realität messen lassen.

Die Gemeinde Stuhr steht heute finanziell solide da. Die Einnahmen aus Gewerbe- und Einkommensteuer haben in den vergangenen Jahren nicht nur ausgeglichene Haushalte ermöglicht, sondern auch Rücklagen geschaffen und Investitionen finanziert. Diese Ausgangslage ist wertvoll und verschafft der Gemeinde Handlungsspielräume.

Der Kämmerer der Gemeinde Stuhr, Peer Beyersdorff, legte im vergangenen Jahr eine mittelfristige Finanzplanung vor. Diese geht davon aus, dass die Steuereinnahmen der Gemeinde von 82,7 Mio. Euro im Jahr 2026 auf 91,24 Mio. Euro im Jahr 2029 anwachsen werden.

Gleichzeitig warnt Herr Beyersdorff in seinen Veröffentlichungen vor „Abenteuern mit unausgegorenen Ideen“, um die finanzielle Stabilität der Gemeinde nicht zu gefährden.

Wenn man diese Planung nun mit dem aktuellen Quartalsbericht Nr. 1 des Jahres 2026 vergleicht, zeigt sich jedoch eine Entwicklung, auf die das Bürger Forum Stuhr und Bürgermeisterkandidat Ralf Kaptein bereits hingewiesen haben: Von einer Fortschreibung der positiven Einnahmeentwicklung der vergangenen Jahre kann man derzeit nicht selbstverständlich ausgehen.

Der Blick auf die Zahlen

Die Steuererträge lagen zum 31.03.2025 noch bei 55,2 Mio. Euro.

Zum 31.03.2026 waren es nur noch 49,7 Mio. Euro.

Das entspricht einem Rückgang von rund 5,5 Mio. Euro beziehungsweise knapp 10 Prozent innerhalb eines Jahres.

Noch deutlicher fällt die Entwicklung bei der Gewerbesteuer aus.

Das Gewerbesteuer-Soll lag zum 31.03.2025 bei 40,18 Mio. Euro.

Zum 31.03.2026 waren es nur noch 31,7 Mio. Euro.

Das entspricht einem Rückgang von rund 8,5 Mio. Euro beziehungsweise etwa 21 Prozent.

Während die Einnahmen zurückgehen, steigen gleichzeitig die Aufwendungen. Bereits im ersten Quartal lagen diese gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 1 Mio. Euro höher.

Die Entwicklung lässt sich daher in einem Satz zusammenfassen:

Steigende Ausgaben treffen auf sinkende Einnahmen.

Warum gerade das erste Quartal wichtig ist

Nun könnte man einwenden, dass ein Quartalsbericht noch kein Jahresergebnis darstellt. Das ist richtig.

Allerdings weist Herr Beyersdorff selbst darauf hin, dass die Einnahmen im ersten Quartal traditionell besonders stark ausfallen, weil Steuervorauszahlungen bereits früh im Jahr verbucht werden. Die Aufwendungen verteilen sich dagegen wesentlich gleichmäßiger über das Jahr.

Mit anderen Worten:

Das erste Quartal gehört normalerweise zu den stärkeren Einnahmequartalen eines Jahres.

Wenn ausgerechnet in diesem Quartal die Steuererträge gegenüber dem Vorjahr deutlich zurückgehen, sollte man diese Entwicklung ernst nehmen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass die Finanzplanung scheitert.

Es bedeutet aber, dass die ersten verfügbaren Zahlen die zugrunde gelegten Wachstumsannahmen bislang nicht bestätigen.

Vergangenheit und Zukunft unterscheiden

Dabei sollte man eines nicht vergessen:

Die gute finanzielle Ausgangslage der Gemeinde Stuhr wurde nicht in den vergangenen anderthalb Jahren geschaffen.

Die Rücklagen, die Entschuldung und die hohen Steuereinnahmen der vergangenen Jahre sind das Ergebnis einer langfristigen wirtschaftlichen Entwicklung, der Leistung vieler Unternehmen und Arbeitnehmer sowie zahlreicher politischer Entscheidungen über viele Jahre hinweg.

Wer erst seit anderthalb Jahren Verantwortung trägt, kann die Erfolge der Vergangenheit nicht als Beleg für die Richtigkeit seiner Annahmen über die Zukunft heranziehen.

Die finanzielle Stärke Stuhrs ist geerbte Stärke.

Die Annahmen der mittelfristigen Finanzplanung tragen dagegen die Unterschrift des heutigen Kämmerers.

Große Projekte erhöhen die Verantwortung

Besonders relevant wird diese Entwicklung vor dem Hintergrund der bevorstehenden Großprojekte.

Straßenbahn, Schwimmbad, Infrastrukturmaßnahmen und weitere Investitionen werden die Gemeinde in den kommenden Jahren erheblich beschäftigen.

Niemand kann heute seriös vorhersagen, ob sämtliche Kosten dieser Projekte exakt im geplanten Rahmen bleiben werden.

Die Erfahrung mit öffentlichen Großprojekten zeigt vielmehr, dass Kostensteigerungen eher die Regel als die Ausnahme sind.

Gerade deshalb kommt den Einnahmeannahmen eine so große Bedeutung zu.

Wer steigende Einnahmen plant, schafft sich finanzielle Spielräume auf dem Papier.

Wer sinkende Einnahmen erhält, muss diese Spielräume möglicherweise neu bewerten.

Worum es eigentlich geht

Niemand kann Herrn Beyersdorff für die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich machen.

Sehr wohl verantwortlich ist er jedoch für die Annahmen seiner Finanzplanung.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Stuhr heute finanziell solide aufgestellt ist.

Das ist die Gemeinde.

Die eigentliche Frage lautet:

Sind die Annahmen der mittelfristigen Finanzplanung unter den aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen noch realistisch?

Finanzielle Solidität beweist sich nicht dadurch, dass man auf die Erfolge der Vergangenheit verweist.

Finanzielle Solidität beweist sich dadurch, dass man Risiken früh erkennt und in seine Planung einarbeitet.

Der Quartalsbericht beschreibt die Wirklichkeit.

Die Finanzplanung beschreibt die Erwartung.

Die ersten Zahlen des Jahres 2026 zeigen, dass beides derzeit nicht dasselbe ist.

Ralf Kaptein
Bürgermeisterkandidat
Bürger Forum Stuhr